Posted in: Tierwelt 18. Juni 2013 16:27 Weiter lesen →

Pestizide reduzieren Artenvielfalt in Gewässern

Pestizide können wirbellose, im Wasser lebende Tiere gefährden. Die Artenvielfalt in belasteten Fließgewässern gehe um bis zu 42 Prozent zurück, berichten Forscher nach Untersuchungen in Deutschland, Frankreich und Australien.

Eine deutsch-australische Forschergruppe verglich den Artenreichtum an mehreren Standorten – unter anderem in der Hildesheimer Börde bei Braunschweig, in Süd-Victoria in Australien und in der Bretagne in Frankreich.

Der Verlust der Artenvielfalt zwischen unberührten und stark kontaminierten europäischen Standorten rangiere auf einem Niveau von 42 Prozent, schreiben die Forscher in den „Proceedings of the National Academy of Scienceces” (PNAS). Bei Insektengruppen in Australien sei ein Rückgang von 27 Prozent zu verzeichnen.

Die Gesamtverluste in der Biodiversität würden in erster Linie durch das Verschwinden mehrerer Gruppen von Lebewesen bestimmt, welche speziell anfällig für Pestizide seien, so die Forscher. Dazu gehörten vor allem Vertreter der Steinfliegen, Eintagsfliegen, Köcherfliegen und Libellen.

Kleinlibelle_Ischnura_senegalensis_UFZ_300 Die Kleinlibelle Ischnura senegalensis ist durch Pestizideinträge in ihrem Lebensraum bedroht. Foto: André Künzelmann/UFZ

Die betroffenen Organismen zählen zu den arten- und individuenreichsten Besiedlern der europäischen Flüsse, Bäche und Ströme. Sie sind wichtige Mitglieder der Nahrungskette, bis hin zu Fischen und Vögeln.

Die verheerenden Auswirkungen der Pestizidbelastung auf diese Kleinstlebewesen wurden nach Aussage der Forscher bereits bei Konzentrationen festgestellt, die nach den aktuellen europäischen Vorschriften als unbedenklich gelten. Die gesetzlich vorgeschriebenen Höchstmengen schützen demnach die Artenvielfalt der wirbellosen Tiere in Fließgewässern nicht ausreichend.

„Die gegenwärtige Praxis der Risikobewertung gleicht leider einer Autobahnfahrt mit verbundenen Augen“, sagt der and er Studie beteiligte Ökotoxikologe Matthias Liess vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ) in Leipzig. Bisher beruhe die Zulassung von Pestiziden nur auf experimentellen Arbeiten im Labor und in künstlichen Ökosystemausschnitten, kritisiert der Forscher. Für eine fundierte Bewertung der ökologischen Wirkung dieser chemischen Substanzen müssten die bestehenden Konzepte aber dringend mit der Realität im Freiland abgeglichen werden.

„Die neuen Ergebnisse zeigen, dass das Ziel der UN-Konvention zur biologischen Vielfalt, den Artenschwund bis 2020 zu bremsen, gefährdet ist“, sagt Liess; „Pestizide werden immer Wirkungen haben auf Ökosysteme, ganz gleich wie rigide die Schutzkonzepte sind. Aber nur wenn validierte Bewertungskonzepte verwendet werden, kann eine realistische Abwägung erfolgen, welche Ökosysteme auf welchem Niveau geschützt werden müssen.“ Die Bedrohung der Artenvielfalt durch Pestizide wurde bisher offenbar unterschätzt.

Forschung: Mikhail .A. Beketov, Matthias Liess, Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ) Leipzig; Ben J. Kefford, Centre of Environmental Sustainability, University of Technology Sydney; Ralf B. Schäfer, Institut für Umweltwissenschaften der Universität Koblenz-Landau; in PNAS, Early Edition. 17.6.2013, DOI: 10.1073/pnas.1305618110

WWW:
Abstract in PNAS
Ökotoxikologie am UFZ Leipzig

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