Posted in: Abfall und Schadstoffe, Tierwelt 14. Februar 2013 20:00 Weiter lesen →

Aufgeputschte Fische

Foto zeigt Gruppe kleinerer Barsche mit dunklen Streifen, im lichtdurchfluteten, smaragdfarbenen Wasser dicht  über dem Grund stehend Medikamente können nicht nur im Menschen, sondern etwas später auch in der Umwelt eine Wirkung entfalten. Das demonstrieren Experimente, die schwedische Forscher mit Flussbarschen angestellt haben. Psychopharmaka in Konzentrationen, wie sie regelmäßig flussabwärts von Kläranlagen gemessen werden, verändern das Verhalten der Fische demnach merklich: Die Tiere werden aktiver und weniger gesellig und fressen im Gegenzug schneller.

Foto: Courtesy of Bent Christensen

Eine solche Verhaltensänderung könne weitreichende Folgen haben, erläutert Tomas Brodin von der Universität Umeå. „Wenn die Fische in einem Gewässer effizienter fressen, kann sich dies beispielsweise auf die Artenzusammensetzung auswirken und letztlich unerwartete Effekte zeitigen, etwa ein erhöhtes Risiko für Algenblüten.“

Die Biologen und Chemiker studierten die Reaktion von Flussbarschen (Perca fluviatilis) auf die – beim Menschen – angstlösend und entspannend wirkende Verbindung Oxazepam, einen chemischen Verwandten des Valiums. Sieben Tage lang schwammen die Fische in Wasser, das den Wirkstoff in einer Konzentration von 1,8 Mikrogramm (Millionstel Gramm) pro Liter enthielt. Konzentrationen ähnlicher Größenordnung werden in Flüssen in Schweden und anderen Ländern gemessen.

Die Fische reicherten den Wirkstoff um den Faktor 6 in ihrem Gewebe an und zeigten in der Folge deutliche Verhaltensänderungen, berichten die Forscher im Magazin „Science“. Die Häufigkeit ihrer Schwimmbewegungen und die Zahl der Gelegenheiten, bei denen sie sich im Testbecken um mehr als 1 Körperlänge von Artgenossen entfernten, stiegen jeweils um die Hälfte. Die Zeit, die sie sich beim Verspeisen von Wasserflöhen ließen, sank dagegen um ein Zehntel. Noch stärker ausgeprägt waren die Effekte bei Versuchen mit einer 500-mal höheren Wirkstoffkonzentration.

Oxazepam sei nur ein Vertreter einer pharmazeutisch bedeutsamen und häufig verschriebenen Wirkstoffklasse, der Benzodiazepine, so Brodin und Kollegen. Zudem gelange mit dem Klärwasser ein wahrer Cocktail verschiedenster Wirkstoffe in die Flüsse. Angesichts dieser Fakten stufen die Forscher die beobachtete Verhaltensänderung als „alarmierend“ ein. Ihrer Ansicht nach muss nicht nur die Effektivität der Kläranlagen gesteigert, sondern auch die Umweltwirkung von Medikamenten umfassender als bislang geprüft werden.

Forschung: Tomas Brodin, Jerker Fick, Micael Jonsson und Jonatan Klaminder, Institutionen för ekologi, miljö och geovetenskap und Kemiska institutionen, Umeå universitet

Veröffentlichung Science, Vol. 339, 15. Februar 2013, pp 814–5, DOI 10.1126/science.1226850

WWW:
Freshwater Ecology, Umeå University
Flussbarsch
Umweltbewertung der Arzneimittel

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