Posted in: Tierwelt, Verkehr 14. November 2012 08:29 Weiter lesen →

Grashüpfer singen gegen Straßenlärm an

Nahaufnahme zeigt kleinen braunen Grashüpfer auf Grasblatt An Autobahnen lebende Grashüpfer singen anders als Artgenossen in ruhigeren Gegenden. Eine Bielefelder Biologin hat ermittelt, dass die männlichen Tiere in Autobahnnähe ihren Balzgesang zu höheren Frequenzen verschoben haben – wahrscheinlich, weil sich ihr Werben so deutlicher von dem Hintergrundlärm des Straßenverkehrs abhebt.

Foto: Tomasz Górny (Nemo5576) via Wikimedia.org (Creative Commons Attribution Share-Alike 3.0 Unported)

Eine ganz ähnliche Reaktion auf menschgemachten Lärm sei bereits bei Singvögeln in der Stadt beobachtet worden, schreiben Ulrike Lampe und ihre Kollegen von der Universität Bielefeld im Fachblatt „Functional Ecology“. Die neuen Resultate belegten erstmals, dass eine solche Anpassungsstrategie auch bei wirbellosen Tieren wie den Insekten vorkomme.

Lampe und Kollegen führten ihre Studie mit Nachtigall-Grashüpfern (Chorthippus biguttulus) durch, deren Balzgesänge zu der typischen Geräuschkulisse einer hochsommerlichen Wiese beitragen. Ob und wie sich Straßenlärm auf diese Gesänge auswirkt, untersuchte die Forschergruppe anhand von 188 Männchen, die an je 9 Autobahnabschnitten sowie ruhigeren Standorten gesammelt worden waren. Im Labor zum Singen animiert, zeigten sich tatsächlich Unterschiede zwischen Männchen von lauten und ruhigen Standorten.

Der Gesang der Grashüpfer-Männchen ist in einem Frequenzbereich zwischen 4 und 8 Kilohertz, in dem das Gehör der Weibchen gut anspricht, besonders kräftig. Bei Männchen von ruhigen Standorten liegt dieses Lautstärkemaximum bei durchschnittlich 7,3 Kilohertz, bei Artgenossen vom Rand der Autobahn dagegen bei 7,6 Kilohertz. Hinzu kommt, dass der Pegel des Straßenlärms in diesem Frequenzbereich steil abfällt. Umso eher könnte die Verschiebung zu höheren Frequenzen den Unterschied zwischen erhörtem und nicht erhörtem Liebeswerben ausmachen.

Alle Grashüpfer seien unter identischen Bedingungen und frühestens einen Tag nach dem Sammeln getestet worden, so Lampe und Kollegen weiter. Daher gehe die Frequenzverschiebung wohl nicht auf eine kurzfristige Verhaltensänderung zurück. Weitere Untersuchungen sollen nun zeigen, ob es sich tatsächlich um eine genetisch verankerte, evolutionäre Anpassung handelt. Einen ersten Hinweis in diese Richtung liefert die Beobachtung, dass Grashüpfer-Männchen tendenziell umso höher singen, je älter die Autobahn ist, an der sie leben.

Forschung: Ulrike Lampe, Tim Schmoll, Alexandra Franzke und Klaus Reinhold, Fakultät für Biologie, Universität Bielefeld

Veröffentlichung Functional Ecology, DOI 10.1111/1365-2435.12000

WWW:
Evolutionsbiologie, Uni Bielefeld
Nachtigall-Grashüpfer

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