Diebischer Samentransport
Diebische Nager können selbst große Pflanzensamen erstaunlich gut verbreiten. Das zeigen Peilsender-Experimente, die eine internationale Forschergruppe im Tropenwald Panamas durchgeführt hat. Indem Nagetiere von Artgenossen versteckte Samen immer wieder ausgraben und an einer anderen Stelle erneut vergraben, werden viele Samen unbeschädigt über große Distanzen transportiert.
Foto: Christian Ziegler
Auf diese Weise seien Nagetiere und insbesondere die an schlanke Meerschweinchen erinnernden Agutis in der Lage, die Rolle längst ausgestorbener, sehr großer Pflanzenfresser zu übernehmen, folgert Patrick Jansen vom Smithsonian Tropical Research Institute und der Universität Wageningen: „Agutis transportieren Samen in einem Maßstab, den keiner von uns für möglich gehalten hätte.“ Der Forscher und seine Kollegen präsentieren ihre Resultate in den „Proceedings of the National Academy of Sciences“.
Viele Bäume produzieren große fleischige Früchte mit kompakten Samen darin. Einige Forscher sehen in diesem Merkmal eine Anpassung an tonnenschwere Pflanzenfresser wie beispielsweise Riesenfaultiere und Rüsseltiere, die die Früchte fressen und die intakten Samen wieder ausscheiden. In der Neuen Welt sind solche Tiere jedoch gegen Ende der letzten Eiszeit ausgestorben. Nagetiere mit ihrem kleinen Revier und ihrem großen Appetit auf Samen erscheinen wiederum denkbar ungeeignet als Samenverbreiter.
Jansen und Kollegen gingen dieser Frage nach, indem sie knapp 600 Samen der Palme Astrocaryum standleyanum mit winzigen Peilsendern versahen und dann im Blickfeld von Kamerafallen auf dem Waldboden verstreuten. Binnen kurzer Zeit wurden die Samen von Nagern, meist Agutis (Dasyprocta punctata), aufgelesen und in einigen Metern Entfernung vergraben. Wenig später wurden sie jedoch von anderen Agutis wieder ausgegraben und in einigen Metern Abstand erneut vergraben. Dieses Spiel wiederholte sich im Mittel 8 Mal und im Extremfall sogar 36 Mal, ermittelten die Forscher. Letzten Endes ruhte jeder dritte Samen mehr als 100 Meter von seinem Ausgangspunkt entfernt im Boden und etwa jeder siebte Samen war selbst ein Jahr später noch unbeschädigt.
„Wir wussten zwar, dass diese Nagetiere Samen vergraben“, erklärt Jansens Kollege Roland Kays von der North Carolina State University, „wir hatten jedoch keine Ahnung von dem fortwährenden Ausgraben, Wegtragen und Wiedereingraben.“ Das Resultat des diebischen Treibens sei ein Langstreckentransport, wie ihn ein einzelnes Aguti niemals zustande bringen könne.
Forschung: Patrick A. Jansen, Willem-Jan Emsens und Roland Kays, Center for Tropical Forest Science, Smithsonian Tropical Research Institute, Balboa Ancón, Leerstoelgroep Bosecologie en bosbeheer, Wageningen Universiteit, und Centre for Ecological and Evolutionary Studies, Rijksuniversiteit Groningen, und Department of Forestry and Environmental Resources, North Carolina State University, Raleigh; und andere
Veröffentlichung Proceedings of the National Academy of Sciences, DOI 10.1073/pnas.1205184109
WWW:
Forest Ecology and Forest Management Group, Uni Wageningen
Smithsonian Tropical Research Institute
Astrocaryum standleyanum
Agouti
Megafaunal Fruit



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