Posted in: Tierwelt 30. Juni 2011 15:51 Weiter lesen →

Schnecke auf großer Fahrt

Nahaufnahme eines orange-rötlichen Schneckengehäuses samt Deckel mit spiralförmigem Wachstumsmuster Die Verschleppung von Spezies in neue Gebiete ist kein modernes Phänomen, belegen Untersuchungen Frankfurter Forscher. Schon vor rund 8.000 Jahren gelangte demnach eine Landschnecke von der Insel Sardinien auf das europäische und afrikanische Festland – sehr wahrscheinlich im Zuge des in der Jungsteinzeit erblühenden Seehandels im westlichen Mittelmeer.

Foto: Francisco Welter Schultes auf AnimalBase (Public Domain)

„Seit der Mensch sich aufgemacht hat, um von Afrika aus die Welt zu besiedeln, hat er – absichtlich oder unabsichtlich – Tier- und Pflanzenarten aus ihren Ursprungsgebieten verschleppt“, erklärt Markus Pfenninger von der Universität Frankfurt am Main. Nachträglich sei allerdings nicht immer offensichtlich, ob die Ausbreitung auf natürlichem Weg oder mit Nachhilfe durch den Menschen erfolgt sei. Die Klärung dieser Frage könne wiederum helfen, mehr über einstige Verkehrs- und Handelswege zu erfahren.

Im Fall von Tudorella sulcata glauben Pfenninger und seine Kollegen in Frankfurt und Montpellier nun, die Ausbreitung rekonstruieren zu können. Die Landschnecke mit ihrem bis zu zwei Zentimeter hohen, weiß bis orange-rötlich schimmernden Gehäuse führt ein verstecktes Leben im Kalksteingeröll zwischen Pinien und Büschen. Obgleich sie nicht schwimmen kann, ist sie auf Sardinien heute ebenso zu finden wie in Südfrankreich und an der Küste Algeriens.

Die Forscher sammelten Schnecken von 28 Fundorten in allen drei Regionen und sequenzierten zwei Erbgutabschnitte aus dem Zellkern und den Mitochondrien, den Zellkraftwerken, der Tiere. Anhand minimaler Unterschiede, die sich im Laufe der Zeit in die DNA einschleichen und vererbt werden, überprüften sie dann verschiedene Hypothesen zur Ausbreitung. Am wahrscheinlichsten gelangte die Schnecke demnach vor etwa 8.000 Jahren von Sardinien nach Algerien und in der Folge von Algerien nach Frankreich. In beiden Gebieten vermehrte sie sich nach Kräften.

Zu jener Zeit hätten sich neolithische Siedler im Westen des Mittelmeerraums niedergelassen, so Pfenninger weiter. Dies habe zu einem regen Handel mit Feuerstein und anderen Gütern geführt und zu einem genetisch nachweisbaren Kontakt zwischen den Bevölkerungen Sardiniens und Nordafrikas. Die versteckte Lebensweise von Tudorella sulcata mache wiederum einen Transport mit Wind, Strömungen oder Zugvögeln unwahrscheinlich. Umso plausibler sei die Annahme, dass die Siedler die Schnecke im Laderaum ihrer Schiffe mit sich geführt hätten – möglicherweise rein zufällig, vielleicht aber auch als Schmuck.

Forschung: Ruth Jesse und Markus Pfenninger, Institut für Ökologie, Evolution und Diversität, Goethe-Universität Frankfurt am Main, und Forschungszentrum Biodiversität und Klima, Frankfurt am Main; Errol Véla, UMR Amap, Montpellier

Veröffentlichung PLoS ONE, Vol. 6(6), e20734, DOI 10.1371/journal.pone.0020734

WWW:
Molecular Ecology Group, Markus Pfenninger
UMR Amap, Montpellier
Tudorella sulcata

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