Posted in: Klima, Meeresforschung 21. Juni 2011 13:34 Weiter lesen →

Meeresspiegel: Seit 130 Jahren schnell gestiegen

Wellen treffen auf die Küste Seit Beginn der Industrialisierung ist der Meeresspiegel schneller gestiegen als in den rund zweitausend Jahren davor. Darauf deuten Ablagerungen an der US-Atlantikküste hin, die eine internationale Gruppe von Klimaforschern untersucht hat. Umstritten ist, ob sich daraus Vorhersagen ableiten lassen.

Foto: Thomas Oser /Fotolia

Die Forscher haben in Bohrkernen aus Salzwiesen an der nordamerikanischen Küste fossile Kalkschalen von Einzellern untersucht. Die Ablagerungen gelten als natürliches Archiv der Pegelstände des Ozeans. Sie zeigen den Wasserstand vergangener Jahrhunderte an, weil die Einzeller jeweils in einer ganz bestimmten Höhe im Gezeitenbereich lebten. Die in North Carolina gewonnenen Daten decken sich laut Aussage der Forscher mit Hafenpegeldaten, soweit diese zurückreichen, und sie wurden außerdem durch eine unabhängige Rekonstruktion aus Massachusetts bestätigt. Obwohl Meeresspiegelschwankungen örtlich in gewissem Rahmen vom Verlauf des globalen Meeresspiegels abwichen, so die Forscher, könnten die Daten im Großen und Ganzen die Veränderungen im globalen Meeresspiegel aufzeigen.

Die Wissenschaftler meinen, vier Phasen rekonstruieren zu können: Von 200 vor Christus bis 1000 nach Christus war demnach der Meeresspiegel stabil. Ab dem 11. Jahrhundert stieg er 400 Jahre lang um etwa fünf Zentimeter pro Jahrhundert an. Dieser Anstieg soll der mittelalterlichen Warmperiode entsprechen. Gefolgt war der Anstieg von einer stabilen Periode mit kühlerem Klima bis ins späte 19. Jahrhundert. Seither ist der Meeresspiegel im Zuge der globalen Erwärmung um rund 20 Zentimeter angestiegen. Damit sei dieser Anstieg um ein Mehrfaches schneller als alles, was es in den vorangegangenen 2000 Jahren gegeben hat, schreiben die Forscher in den „Proceedings of the National Academy of Sciences“ (PNAS).

Die neuen Daten erhärten nach Meinung von Stefan Rahmstorf vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung die Annahme, dass der Meeresspiegel umso rascher steige, je wärmer das globale Klima werde: „Die neue Untersuchung bestätigt unser Modell des Meeresspiegelanstiegs – die Daten der Vergangenheit schärfen damit unseren Blick in die Zukunft.“ Neben Rahmstorf waren Wissenschaftler US-amerikanischer und finnischer Forschungseinrichtungen beteiligt.

Das zeitliche Zusammentreffen der Beschleunigung des Meeresspiegelanstiegs mit dem Beginn der Industrialisierung sei, so Rahmstorf, ein deutlicher Hinweis: „Der Mensch heizt mit seinen Treibhausgasen das Klima immer weiter auf, daher schmilzt das Landeis immer rascher und der Meeresspiegel steigt immer schneller.“

„Der Anstieg des Meeresspiegels ist eine potenziell desaströse Folge des Klimawandels, weil steigende Temperaturen das Eis an Land schmelzen lassen und das Wasser der Ozeane erwärmen“, ergänzt Co-Autor Benjamin Horton von der University of Pennsylvania. Die zweite wesentliche Ursache für den Anstieg sei das Abschmelzen von Gebirgsgletschern und großer Eismassen in Grönland und der Antarktis, wodurch zusätzliches Wasser ins Meer gelange.

Während die Untersuchung der Ablagerungen an der US-Atlantikküste unstrittig ist, stellen andere Forscher in Frage, ob sich Prognosen aus den Daten ableiten lassen. „Diese Studie eignet sich überhaupt nicht für Vorhersagen“, zitiert SpiegelOnline Jens Schröter vom Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung. Die Autoren hätten lediglich versucht, mit ihren Daten ein bereits bestehendes Modell zu bestätigen. Ähnlich äußerte sich auch Mojib Latif vom Leibniz-Institut für Meereswissenschaften (IFM-Geomar). Niemand könne wirklich sagen, wie viel Eis in den Polregionen in den kommenden Jahrzehnten und Jahrhunderten verloren gehe.

Forschung: Andrew C. Kemp, Yale University; Benjamin P. Horton, University of Pennsylvania; Jeffrey P. Donnelly, Woods Hole Oceanographic Institution; Michael E. Mann, Pennsylvania State University, University Park; Martin Vermeer, Aalto University School of Engineering; Stefan Rahmstorff, Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung; in PNAS Online Edition, doi: 10.1073/pnas.1015619108

WWW:
Abstract in PNAS
Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung

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