Posted in: Klima 26. Januar 2011 19:00 Weiter lesen →

Schmelzwasser könnte Gletscher bremsen

Foto zeigt hellblau erscheinendes Schmelzwasser, das durch ein Loch in der weißen Eisdecke rauscht Der Eispanzer Grönlands kann den steigenden Temperaturen vielleicht besser trotzen als befürchtet. Diesen Schluss legt die Beobachtung eines verblüffenden Rückkopplungseffekts durch britische und belgische Forscher nahe. In Jahren mit hohen Sommertemperaturen beschleunigen die Gletscher am Rand des Eisschildes demnach weniger stark als in mäßig warmen Jahren.

Foto: Jason Box/University of Leeds

Eine mögliche Ursache könnte in den unterschiedlichen Schmelzwassermengen liegen, vermutet die Gruppe um Andrew Shepherd von der Universität Leeds im Magazin „Nature“. Wenn dieses Wasser unter einem Gletscher nicht nur vereinzelte Wasserkissen, sondern ein kontinuierliches Kanalsystem bilde und darin rasch abfließe, könnte sich die Eiszunge regelrecht am felsigen Untergrund festsaugen. „Das bedeutet allerdings nicht, dass der Eisschild vor den Auswirkungen des Klimawandels gefeit ist“, betont der Forscher.

Mit einer durchschnittlichen Mächtigkeit von 1,7 Kilometern enthält der grönländische Eisschild genügend Wasser, um den Meeresspiegel weltweit um etwa sieben Meter steigen zu lassen. Höhere Temperaturen bedeuten, dass im Sommer mehr Eis an der Oberfläche des Eisschilds schmilzt und durch Spalten abfließt. Anhand mehrjähriger Satellitenbeobachtungen gingen Shepherd und Kollegen der Frage nach, wie sich das Schmelzwasser als mögliches Schmiermittel auf die Bewegung der Gletscherzungen auswirkt.

Die Forscher nutzten Radarmessungen des europäischen ERS-Satellitenprogramms, um den Fluss von sechs, noch auf dem Land endenden Gletschern im Südwesten Grönlands über sechs Jahre zu verfolgen. Erwartungsgemäß floss das Gletschereis in den Wintermonaten mit etwa 120 Metern pro Jahr deutlich langsamer bergab als in den Sommermonaten, in denen es Geschwindigkeiten von bis zu 314 Meter pro Jahr erreichte. Allerdings war dieser sommerliche Spurt in den besonders warmen Jahren 1995 und 1998 nur von kurzer Dauer.

Foto zeigt langen, hellblau erscheinenden Schmelzwassersee auf weiter weißer Eisfläche, an einem Spalt darin endend, weiter Horizont Foto: Jason Box/University of Leeds

Vier von sechs Gletschern beschleunigten in diesen Jahren zunächst sehr stark, bremsten jedoch ebenso rasch wieder ab. Das unterschiedliche Verhalten schlug sich letztlich im gesamten Eisabfluss in den Sommermonaten nieder. In den zwei besonders warmen Jahren war dieser etwa 67 Prozent, in den mäßig warmen Jahren dagegen etwa 100 Prozent höher als der Eisabfluss in den Wintermonaten, schätzen Shepherd und Kollegen.

Der Effekt könne einen vermeintlichen Widerspruch zwischen früheren Studien auflösen, so die Forscher. So hätten Beobachtungen und Modellrechnungen ergeben, dass mehr Schmelzwasser mit einer stärkeren Beschleunigung der Gletscher einhergehe. Eine Langzeitstudie habe dagegen gezeigt, dass der Eisabfluss von Grönland über einen Zeitraum von 17 Jahren insgesamt gesunken sei, obwohl die sommerliche Eisschmelze im gleichen Zeitraum zugenommen habe. Wie stark der grönländische Eispanzer zum künftigen Anstieg des Meeresspiegels beitragen werde, könne man erst verlässlich schätzen, wenn man die Vorgänge unter der Eisoberfläche besser verstehe, folgert die Gruppe.

Forschung: Aud Venke Sunal, Andrew Shepherd und Steven Palmer, School of Earth and Environment, University of Leeds; Philippe Huybrechts, Earth System Science und Departement Geografie, Vrije Universiteit Brussel; und andere

Veröffentlichung Nature, Vol. 469, 27. Januar 2011, pp 521-4, DOI 10.1038/nature09740

WWW:
Climate Change and Impacts Research Group, University of Leeds
Gletscher und Eisschilde
Meltwater
Intergovernmental Panel on Climate Change
Environment Remote Sensing, ESA

Lesen Sie dazu im Scienceticker:
Laue Luft auf Grönland
Grönlandgletscher beschleunigt


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