Posted in: Meeresforschung, Tierwelt 15. Oktober 2010 14:49 Weiter lesen →

Die Darwinfinken der Tiefsee

Foto zeigt Blick von oben auf einen bleichen, schlanken Fisch mit fächerartigen Brustflossen und langem Rattenschwanz über hellem Sediment Eine neue Fischart haben Forscher im Meer vor Chile entdeckt. Der bislang unbekannte Vertreter der Scheibenbäuche schwamm den Wissenschaftlern in einer Tiefe von gut sieben Kilometern vor die Kamera – in einer Etage des Ozeans, die bis vor einigen Jahren noch als praktisch unbelebt galt.

Foto: University of Aberdeen

„Unsere Beobachtungen enthüllen eine große Artenvielfalt und Individuenzahl in Tiefen, die einst als völlig fischfrei angesehen wurden“, erklärt Alan Jamieson von der Universität Aberdeen. „Damit müssen die bisherigen Vorstellungen zum Leben in extremen Meerestiefen überdacht werden.“

Jamieson und seine Kollegen aus Schottland, Japan und Neuseeland machten ihre Entdeckung während einer Expedition mit dem deutschen Forschungsschiff Sonne. Die Fahrt verlief entlang der peruanisch-chilenischen Tiefseerinne, geschaffen durch das Abtauchen der ozeanischen Kruste des Pazifiks unter den südamerikanischen Kontinent.

Bei mehreren Gelegenheiten setzten die Wissenschaftler einen beköderten Lander aus, der zum Meeresgrund sank, dort einige Stunden verblieb und dann wieder zur Oberfläche aufstieg. Währenddessen machte das Gerät mehrere Tausend Aufnahmen vom Treiben in seiner Umgebung. Neben Scharen hungriger Schlangenfische (Brotulas), die möglicherweise ebenfalls zu einer noch unbeschriebenen Art gehören, und überdimensioniert wirkenden Flohkrebsen zeigten diese den bislang unbekannten Scheibenbauch.

In den letzten Jahren hatten die Forscher im Rahmen des Forschungsprojekts HADEEP ähnliche Beobachtungen bereits im westlichen Pazifik angestellt. In den Tiefseerinnen vor Japan und Neuseeland hatten sie dabei ebenfalls neue Arten von Scheibenbäuchen (Liparidae) entdeckt – einer Fischfamilie, die aufgrund ihrer Erscheinung im Englischen als Schneckenfische bezeichnet wird.

Die neue Beobachtung bekräftige die Vermutung, dass diese Fischfamilie in allen Tiefseegräben zu finden sei, dass gleichzeitig aber jeder Graben seine eigenen Vertreter aufweise, so die Forscher. In gewisser Weise könnte man die Scheibenbäuche also als Darwinfinken der Tiefsee betrachten, meint Jamieson. „Aus der extremen Isolation eines jeden Grabens ergeben sich durchaus Parallelen zur Theorie der Evolution auf Inseln.“

Forschung: Alan Jamieson und Toyonobu Fujii, Oceanlab, University of Aberdeen; und andere

WWW:
Oceanlab, University of Aberdeen
HADEEP
Tiefseerinnen
Liparidae
FS Sonne

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