Posted in: Abfall und Schadstoffe, Tierwelt 11. Oktober 2010 19:13 Weiter lesen →

Edelmetall stülpt Schneckenhaus um

Foto zeigt Schnecke ohne Haus, ausgefranst wirkender Kieme an der Rückseite des Eingeweidesacks, Andeutung innerer Schale Platin kann den Körperbau von Schnecken auf verblüffende Weise beeinflussen. Das haben Tübinger Biologinnen bei Toxizitätstests entdeckt. Während der Embryonalentwicklung hohen Konzentrationen des Edelmetalls ausgesetzt, bildet eine Süßwasserschnecke statt einer äußeren eine innere Schale, wie sie ähnlich auch bei Nacktschnecken und Tintenfischen vorkommt.

Statt des typischen posthornartigen Schneckenhauses bilden die Tiere einen internen Hohlkegel aus Kalk. Foto: Heinz Köhler und Irene Gust, Universität Tübingen

Das Zeitfenster für die „Umprogrammierung“ der Schnecke Marisa cornuarietis ist mit ein bis zwei Tagen recht eng, ermittelte die Gruppe um Raphaela Osterauer und Heinz Köhler von der Universität Tübingen. In dieser sensiblen Phase können hohe Platinkonzentrationen bewirken, dass sich das heranreifende schalenbildende Gewebe in den Körper einstülpt und nicht außen über den Eingeweidesack wächst.

Als Resultat geraten auch andere Organe in eine ungewohnte Position, berichtet die Tübinger Gruppe gemeinsam mit Kollegen aus Essen und Grenoble im Fachblatt „Evolution & Development“. So kommt die Kieme nicht über dem Kopf im Schutz der Schalenöffnung zu liegen, sondern ragt am Hinterende des Tieres frei ins Wasser. Nach dem Absetzen des Platins erreichen die Tiere eine Alter von mehr als einem halben Jahr, ihre Körpergestalt behalten sie während dieser Zeit bei.

Osterauer entdeckte den erstaunlichen Effekt bei Untersuchungen zur Giftwirkung von zweiwertigem Platin und anderen Metallionen auf Schneckenembryonen. Zwar wird Platin aus Kfz-Katalysatoren freigesetzt. Die Biologin und ihre Kollegen glauben aber nicht, dass auf diese Weise die für die Umprogrammierung nötigen Konzentrationen in der Umwelt erreicht werden. Vielmehr könnte die Süßwasserschnecke mit ihrer eingestülpten Schale als Beispiel dafür dienen, wie im Laufe der Evolution kleine Veränderungen in Signalwegen und Genaktivität große Effekte nach sich ziehen.

Forschung: Raphaela Osterauer, Leonie Marschner und Heinz-R. Köhler, Institut für Evolution und Ökologie, Eberhard-Karls-Universität Tübingen; und andere

Veröffentlichung Evolution & Development, Vol. 12(5), pp 474-83, DOI 10.1111/j.1525-142X.2010.00433.x

WWW:
Physiologische Ökologie der Tiere, Uni Tübingen
Die Schale der Schnecken

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1 Kommentar zu "Edelmetall stülpt Schneckenhaus um"

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  1. Andreas sagt:

    „[…] erreichen die Tiere eine Alter von mehr als einem halben Jahr […]“ bringt jetzt nicht so viel, wenn man nicht weiss, wie lange diese Tiere normalerweise leben. Waren die „Platinschnecken“ denn ansonsten gesund und lebensfähig, oder quälten sie sich das halbe Jahr?