Posted in: Abfall und Schadstoffe, Tierwelt 7. Juli 2010 01:01 Weiter lesen →

Selbstmörderische Krebse

Foto zeigt jüngeren Mann, an einem Tisch kniend, darauf ein wassergefülltes Becherglas mit kleinen braunen Krebschen, einige schwimmend, die meisten am Boden Von Menschen eingenommene und wieder ausgeschiedene Antidepressiva entfalten in der Umwelt eine ungeahnte zweite Wirkung. Das haben englische Biologen bei Tests an Flohkrebsen entdeckt. Auf einen der am häufigsten verschriebenen Wirkstoffe reagieren die normalerweise vorsichtigen Tiere, indem sie sich potenziellen Fressfeinden förmlich präsentieren.

Foto: University of Portsmouth

Unter dem Einfluss des Antidepressivums Fluoxetin schwammen die kleinen Krebse verstärkt in den oberen Teilen der Wassersäule und auf eine Lichtquelle zu, beobachteten Yasmin Guler und Alex Ford von der University of Portsmouth. Normalerweise suchten die Tiere dagegen den dunklen Gewässergrund auf, wo sie für Fische und Vögel eine weniger leichte Beute darstellten, so die Forscher.

Guler und Ford führten ihre Versuche mit dem Flohkrebs Echinogammarus marinus durch. Der kleine Krebs und verwandte Arten verhalten sich geradezu selbstmörderisch, wenn sie von Parasiten befallen sind, die sich nur im Darm eines Fischs fortpflanzen können. Die Parasiten führen die Verhaltensänderung herbei, indem sie die Konzentration des Botenstoffs Serotonin im Gewebe der Krebse manipulieren – eben jenes Neurotransmitters, der beim Menschen auch als „Glückshormon“ bekannt ist und dessen Spiegel durch Fluoxetin und andere Wirkstoffe von Antidepressiva beeinflusst wird.

Die Forscher gingen nun der Frage nach, ob und wie sich die Verbindung auf das Verhalten der Krebse auswirkt. Dazu hielten sie die Tiere einige Tage lang in Wasser, das pro Liter wenige Milliardstel bis Millionstel Gramm Fluoxetin enthielt. Tatsächlich zeigte sich eine ähnliche Verhaltensänderung wie bei einem Parasitenbefall, berichtet das Duo im Fachblatt „Aquatic Toxicology“.

Die getesteten Wirkstoffkonzentrationen seien nicht höher gewesen als jene, die sich aufgrund von Abwassereinleitungen in Flüssen und Flussmündungen einstellten, betont Ford. Umso besorgniserregender seien die neuen Resultate, so der Biologe: „Krebse spielen eine wichtige Rolle in der Nahrungskette und wenn sich ihr natürliches Verhalten durch Antidepressiva im Meerwasser ändert, könnte das die Balance des Ökosystems verschieben.“

Forschung: Yasmin Guler und Alex T. Ford, Institute of Marine Sciences, School of Biological Sciences, University of Portsmouth

Veröffentlichung Aquatic Toxicology, DOI 10.1016/j.aquatox.2010.05.019

WWW:
Institute of Marine Sciences, University of Portsmouth
Homepage Alex Ford
Fluoxetin

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