Posted in: Abfall und Schadstoffe, Land 21. April 2010 12:20 Weiter lesen →

Leben im Asphaltsee

Foto zeigt Person in Sandalen, auf dem halberstarrten Asphalt stehend, an einem Stock einen langen Faden aus der dunklen Masse ziehend Das Leben erobert die unwirtlichsten Umgebungen, belegt eine Untersuchung einer internationalen Forschergruppe. Ein natürlicher Asphaltsee auf der Karibikinsel Trinidad beherbergt demnach eine reichhaltige Mikrobenflora. Darunter sind exotische Stoffwechselkünstler, die selbst Schweröl verdauen können und Mineralien statt Sauerstoff veratmen.

Foto: Jw2c via Wikimedia.org (gemeinfrei)

In dem übelriechenden Gemenge aus Bitumen und Schlamm steht den Mikroben deutlich weniger Wasser zur Verfügung als gemeinhin als Minimum für Organismen erachtet wird, fanden Dirk Schulze-Makuch von der Washington State University und seine Kollegen. „Aus astrobiologischer Perspektive betrachtet, bietet der Asphaltsee also die einmalige Gelegenheit, die Grenzen des Lebens auszuloten“, schreiben die Forscher in einem online zur Diskussion gestellten Artikel.

Der Asphaltsee auf Trinidad ist eine geologische Laune der Natur. Aus unterirdischen Reservoirs wird dort Bitumen emporgedrückt und vermengt sich mit Gestein und etwas Wasser. An der Oberfläche bildet die warme Masse einen 46 Hektar großen „See“. An einigen Stellen ist sie zu festem Asphalt erstarrt, der abgebaut und exportiert wird, an anderen ist sie zähflüssig und entlässt gleichsam in Zeitlupe große Blasen aus Methan und Kohlendioxid.

Schulze-Makuch und seine Kollegen nahmen Proben an mehreren Stellen des Asphaltsees und untersuchten sie mit einer ganzen Batterie von Analysemethoden. Bereits der erhöhte Anteil des Kohlenstoffisotops C12 in den leichteren Kohlenwasserstoffen ließ auf mikrobielle Stoffwechselprozesse schließen. Tatsächlich fanden sich auch Aminosäuren, Membranbausteine und nicht zuletzt DNA.

Indem sie nach einzelnen Genen „fischten“ und diese sequenzierten, brachten die Forscher mehr über die Mikroflora in Erfahrung. Jedes Gramm des Asphalts dürfte demnach bis zu zehn Millionen Zellen enthalten – neben Bakterien auch die als Extremisten bekannten Archäen. Diese dürften eine gut funktionierende Lebensgemeinschaft bilden, in der eine Gruppe größere Asphalt-Moleküle in kleinere Kohlenwasserstoffe zerlegt, die wiederum von einer anderen Gruppe verwertet werden können.

Forschung: Dirk Schulze-Makuch, School of Earth & Environmental Science, Washington State University, Pullman; Shirin Haque, Department of Physics, University of the West Indies, St. Augustine; Steven J. Hallam, Department of Microbiology & Immunology, University of British Columbia, Vancouver; und andere

Preprint arXiv:1004.2047

WWW:
Astrobio Lab, Washington State University
Bitumen
Asphaltsee

Lesen Sie dazu im Scienceticker:
Reichlich Erd-Gas
Leben in untermeerischen „Salzpfützen“
Asphaltvulkane in der Tiefsee


Möchten Sie den Beitrag bewerten?
SchlechtLangweiligGut zu wissenInteressantSpannend! (12 Bewertungen, im Schnitt 5,00 von 5)
Loading...

Drucken Drucken


4 Kommentare zu "Leben im Asphaltsee"

Trackback | Comments RSS Feed

  1. ryumaru sagt:

    Endlich ist uns der blick über den tellerrand gelungen.
    Das dürfte das Suchfeld nach extraterrestrischem Leben enorm erweitern.

  2. Sci sagt:

    Warum züchten wir nicht ganz schnell eine riesen Menge dieser schwerölverdauenden Mikroben und setzen sie auf den Ölteppich der vor den USA versunkenen Bohrinsel? Ist übrigens ernst gemeint!

    VG
    Sci

  3. Ender sagt:

    „… der erhöhte Anteil des Kohlenstoffisotops C12 in den leichteren Kohlenwasserstoffen …“

    Ist das so richtig? Ich hätte eher C13 oder C14 erwartet.

    @ryumaru: Tellerrand? Ich sehe zwar, dass die Grenzen durch diese Beobachtung neu gesteckt wurden, aber wurden solche Hinweise zuvor missachtet?

    @Sci: Ich vermute, sie wären nicht schnell genug einsetzbar. Überleben sie überhaupt in so viel Wasser, bei anderen Bedingungen? Haben sie weitreichendere Schäden – bauen sie nach überstandender Not wohlmöglich Öl ab, das gefördert werden soll?
    Allerdings sehe ich für sie Potential bei der Verarbeitung solcher Stoffe.

  4. Meinke sagt:

    @Ender: Bezogen auf den Vienna-PDB-Standard, geben die Autoren für den „Bulk Carbon“ einen delta-C13 von -28 Promill an, für die leichten Kohlenwasserstoffe sinkt der Wert bis auf -49 Promill im Falle des Methans. (Entschuldigung für die späte Antwort.)