Posted in: Abfall und Schadstoffe, Klima 13. Oktober 2009 21:40 Weiter lesen →

Gletscher setzen alte Schadstoffe frei

Foto zeigt Hochgebirgstal mit Gletscher mit dünnem Schmelzwasserstrom, der in einen milchig-trüben See mündet Indem die Gletscher schmelzen, geben sie nicht nur alte Pflanzenreste und Gegenstände frei. Auch die Umweltsünden der Vergangenheit werden auf diese Weise wieder aktuell, haben Schweizer Chemiker erstmals nachweisen können. In den von ihnen studierten Alpensee strömen seit einigen Jahren wieder verstärkt organische Schadstoffe, die längst verboten sind und nicht mehr im industriellen Maßstab produziert werden.

Ähnliche Untersuchungen haben die Forscher auch am Steinsee durchgeführt. Foto: Ruedi Keller/Empa

Mit Inkrafttreten der Verbote ging der Schadstoffeintrag in das Sediment des Sees zunächst zurück, fanden die Forscher um Christian Bogdal von der Eidgenössischen Materialprüfungs- und Forschungsanstalt (Empa) und von der ETH Zürich. Seit rund zehn Jahren steigt die Belastung jedoch wieder und hat teils sogar das Niveau der 60er- und 70er-Jahre überschritten, berichtet die Gruppe im Fachblatt „Environmental Science and Technology“.

Schicht für Schicht analysierten Bogdal und Kollegen einen meterlangen Bohrkern, den sie aus dem Boden des Oberaarsees gezogen hatten. Der Stausee im Berner Oberland war im Jahr 1953 angelegt worden. Seitdem können sich Schwebstoffe und Chemikalien aus Gletschermilch in ihm absetzen. Die Chemikalien gelangten wiederum mit Wind und Niederschlägen in die Hochgebirgsregion und in das Gletschereis.

Besonders interessierten sich die Forscher für eine Reihe langlebiger organischer Schadstoffe in dem Sedimentarchiv. Zu diesen POPs (Persistent Organic Pollutants) zählen beispielsweise Weichmacher und Pestizide, aber auch Dioxine.

„Wir konnten anhand der Schichten bestätigen, dass in den Jahren von 1960 bis 1970 in großem Stil POPs produziert wurden und auch im Bergsee ablagerten“, erläutert Bogdal. Auch das Verbot vieler dieser Substanzen in den frühen 70er-Jahren sei gut zu erkennen gewesen. Nicht minder eindrücklich sei allerdings der erneute Anstieg der POP-Konzentrationen in Sedimentschichten, die nicht älter als zehn bis fünfzehn Jahre seien.

Dass die Werte für einige Chlorchemikalien heute sogar höher liegen als einst, könnte am raschen Abschmelzen des Oberaargletschers liegen, vermuten die Forscher. Der Gletscher ist die bedeutendste Schmelzwasserquelle des Sees und hat sich allein in den letzten zehn Jahren um 120 Meter zurückgezogen. Bei dem raschen Abschmelzen könnten binnen kurzer Zeit Schadstoffmengen freigesetzt werden, die sich über viele Jahre in dem Gletscher angesammelt haben.

Forschung: Christian Bogdal, Peter Schmid und Konrad Hungerbühler, Institut für Chemie- und Bioingenieurwissenschaften, ETH Zürich, Zürich, und Abteilung Analytische Chemie, Eidgenössische Materialprüfungs- und Forschungsanstalt (Empa), Dübendorf; und andere

Veröffentlichung Environmental Science and Technology, DOI 10.1021/es901628x

WWW:
Safety and Environmental Technology Group, ETH Zürich
Analytische Chemie, Empa
Persistente organische Schadstoffe
Gletscher und Eisschilde

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