Posted in: Energie, Klima, Landwirtschaft, Verkehr 7. Februar 2008 20:01 Weiter lesen →

Mehr Treibhausgase durch Biokraftstoff-Boom

Fotos: Sehr großer Baum in einem dichten Wald; Brandrodung, brennende Bäume, graue Rauchschwaden Biokraftstoffe wie Maisethanol können den Ausstoß an Treibhausgasen auf lange Sicht nicht verringern – ganz im Gegenteil. Zu diesem Schluss kommen zwei amerikanische Forschergruppen im Magazin „Science“. Die Umwandlung von Wäldern, Savannen oder Mooren in Anbauflächen würde Kohlendioxid-Emissionen verursachen, wie sie erst in einigen Jahrzehnten bis Jahrhunderten wieder ausgeglichen wären.

Verbrennt oder verrottet die ursprüngliche Vegetation, werden große Mengen Kohlendioxid freigesetzt. Fotos: Courtesy of David Tilman und Wetlands International

Erst ab diesem Zeitpunkt könnte sich also der Einspareffekt der Biokraftstoffe bemerkbar machen, schreiben Timothy Searchinger von der Princeton University und seine Kollegen. Dagegen würden sich die Treibhausgas-Emissionen in den kommenden 30 Jahren sogar verdoppeln, gemessen am heutigen Stand. Klimaforscher gehen davon aus, dass die Menschheit ihren Ausstoß an Kohlendioxid und anderen Treibhausgasen deutlich früher reduzieren muss, wenn sie folgenschwere Klimaveränderungen vermeiden will.

Biokraftstoffe wie Ethanol aus Mais und Zuckerrohr oder Öl aus Palmen wurden einige Zeit lang als klimafreundliche Alternative zu fossilen Brennstoffen propagiert. Die Grundüberlegung ist, dass bei ihrer Verbrennung nur so viel Kohlendioxid freigesetzt wird, wie die Pflanzen zuvor aus der Atmosphäre aufgenommen haben. Rechnet man allerdings den Aufwand für Anbau und Verarbeitung der Pflanzen mit ein, verringert sich der Spareffekt merklich. Bezogen auf den Energiegehalt, setzt die Verbrennung von Maisethanol nur 20 Prozent weniger Kohlendioxid frei als die Verbrennung von Benzin.

Doch auch diese Zahlen zeichnen ein zu optimistisches Bild, schreiben Searchinger und Kollegen. Bei der Bilanzierung sei nämlich die Ausdehnung der Anbauflächen noch nicht berücksichtigt. Für einen zusätzlichen Bedarf von jährlich 56 Milliarden Litern Maisethanol in den USA müssten rund 12,8 Millionen Hektar bislang nicht landwirtschaftlich genutzten Landes unter den Pflug genommen werden, so die Forscher.

Pro Hektar umgewandelter Fläche werden im Schnitt 351 Millionen Tonnen CO2-Äquivalente aus verrottender oder verbrennender Vegetation freigesetzt, schätzt die Gruppe. Dem gegenüber ständen Einsparungen von jährlich 1,8 Millionen Tonnen pro Hektar Ethanol-Mais. Zu ähnlichen Resultaten kommt die Gruppe um Joseph Fargione von der Natur Conservancy und David Tilman von der University of Minnesota. Gerade die Umwandlung tropischer Waldflächen und Feuchtgebiete in Ölpalmen-Plantagen verursacht demnach eine „Treibhausgas-Schuld“, wie sie wohl nicht vor Mitte des Jahrtausends abbezahlt ist.

Ein Verbot der Flächenumwandlung sei praktisch nicht durchsetzbar und verschärfe darüber hinaus die Konkurrenz zwischen Energie- und Nahrungsversorgung, so die Forscher. Eine mögliche Alternative zum Anbau sehen sie in der Nutzung ohnehin anfallender Biomasse. Beispiele sind organische Materie in Müll und Abwasser, bislang verworfene Teile von Nahrungs- und Futterpflanzen, Stroh sowie Reste aus Forstwirtschaft und Holzverarbeitung.

Forschung: Timothy Searchinger, Woodrow Wilson School of Public & International Affairs, Princeton University, Princeton, New Jersey, und German Marshall Fund of the U.S., Georgetown Environmental Law and Policy Institute; Joseph Fargione, The Nature Conservancy, Minneapolis, Minnesota; David Tilman, Department of Ecology, Evolution, and Behvior, University of Minnesota, St. Paul; und andere

Veröffentlichungen Science Express, 7. Februar 2008, DOI 10.1126/science.1151861 und 10.1126/science.1152747

WWW:
Woodrow Wilson School, Princeton University
The Nature Conservancy
Intergovernmental Panel on Climate Change
Mitigation of Climate Change

Lesen Sie dazu im Scienceticker:
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Ungenutzte Energie in Abwasser
Stroh und Bäume werden tankbar

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2 Kommentare zu "Mehr Treibhausgase durch Biokraftstoff-Boom"

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  1. Der Kern der Sache - Fairplanet | 13. September 2008 15:53
  1. Bernie Wagner sagt:

    Überlegenswert wäre allerdings, wenn küstennahe Wüsten (wovon es weltweit viele Mio. Hektar gibt) mithilfe von durch Solarenergie entsalztem Meerwasser in Grünflächen verwandet würden, auf denen in Mischkulturen nach Bio-Standards angebaut werden könnten, deren Pflanzen teilweise auch für Agrosprit dienen könnten (evtl. z.B. bei Soja das Öl extrahiert als Biodiesel und die Proteine & andere Nährstoffe als Nahrung).

    Allein zur Energiegewinnung wäre das natürlich zu aufwändig, da die direkte Stromerzeugung durch Solarenergie effizienter wäre,

    aber im Rahmen von Wüstenbegrünungsprogrammen ggf. sinnvoll (zudem Stopp und sogar Umkehrung des globalen Wüstenvormarsches auch das Klima positiv beeinflusst und vielen Menschen auch durch zusätzliche landw. Fläche nutzen würde, sei es in Sahararandgebieten, sei es in Mexiko oder Südamerika (Peru, Nordwestbrasilien u.s.w.) oder sei es in Pakistan, Indien oder (Nord-)West-Australien.